Die deutsche Jammer-Leidenschaft
28. Juli, 2010 von annedeventer

Wer sein gespartes Jammer-Geld später in leckerem Eis umsetzt, wundert sich oft, wie viele Bällchen er dafür bekommt. Foto: dpa
Heute in der Pause: Wunderbares Wetter, die Sonne scheint, der Sommer ist da.
Aber sofort höre ich es aus dem Gemurmel der Passanten heraus: Nicht alle sind mit dem Wetter zufrieden. War ja klar. „Also mir ist das ja schon wieder viel zu heiß“, höre ich jemanden sagen.
Aus einer anderen Richtung vernehme ich „Dieser Wind gestern, schrecklich!“ und erinnere mich nur an wenige Tage in der letzten Zeit, an denen alle mit dem Wetter einverstanden waren. Mal ist es zu warm, mal zu kalt, zu nass, zu trocken, der Wind stört oder die Sonne blendet.
Gejammer über den Job, die Politik, den Nachbarn...
Die Deutschen jammern gerne. Sie scheinen sich mit ihrem Leid und ihren Sorgen geradezu überbieten zu wollen: „Im Büro musste ich mich heute wieder um alles alleine kümmern“, „Das sind Kopfschmerzen, das kannst du dir gar nicht vorstellen“ oder „Mein Mann sieht dauernd fern, anstatt etwas mit mir zu unternehmen“ sind nur einige Beispiele für klagende Gesprächsfetzen, die man nebenbei so mitbekommt.
Gerne wird auch über die Politiker, den Nachbarn oder die hohen Preise gemeckert. Die Welt scheint furchtbar zu sein und jedem möchte es am allerschlechtesten gehen.
Wir haben bei der Fußballweltmeisterschaft den 3. Platz gemacht, wer hätte das gedacht? Aber nein, sofort heißt es „Wir haben verloren!“ … Statt sich über den Sieg zu freuen, wird alles schlecht geredet.
Wer jammert, möchte Zuwendung
Aber warum sind wir so ein Jammervolk? Eine Antwort lautet: Wer jammert, bekommt Aufmerksamkeit. Schon als Kind lernen wir diese Konsequenz. Man brüllt rum, quengelt und weint, wenn man etwas haben möchte oder sich schlecht fühlt – und siehe da, es funktioniert: Irgendwer schenkt dem traurigen Kind immer Beachtung.
Und auch noch heute möchten wir mit unserem Gejammer Zuwendung erzeugen, um uns bestätigt zu fühlen. „Du Arme, dann ruh dich mal aus, das hast du dir auch verdient“ ist eine typische Reaktion auf das Gemecker und gleichzeitig ein Kompliment: Ja, du bist wichtig und machst immer so viel für alle, vielen Dank!
2 Euro für jedes Jammern
Nur konstruktives Jammern ist sinnvoll. Um Probleme lösen zu können, müssen wir sie mitteilen. Die Frau, die ihrem Mann vorjammert, was sie an ihrer Beziehung stört, gibt ihm gleichzeitig eine Chance, die Situation zu verändern. Kommunikation ist wichtig, solange sie wirkliche Inhalte überbringt und kein Fishing-for-Compliments-Gemecker darstellt.
Eine Lösung für das ständige Gejammer bietet die Autorin Marci Shimoff in ihrem Buch „Glücklich ohne Grund!“ an: Man sollte sich einfach eine Spardose einrichten, in die man für jedes Jammern 2 Euro einzahlt. Am Ende des Tages wird man dann merken, wie oft man - eigentlich ohne wirklichen Grund - gemeckert hat.
Probiert es doch mal aus und kauft euch mit dem Jammergeld einen großen Eisbecher … und genießt dabei das schöne Wetter;-)
Kategorien: Freie Zeit, Freizeit



